Ägypten – Rom – Sizilien

Die Gemeinschaftsküche ist aufgeräumt, eine Tüte mit Weißbrot steht auf jedem Tisch. Nassr* nimmt eine Flasche Saft aus dem Kühlschrank und schenkt uns Saft ein. Es ist schwer zu sagen wie alt er ist, Mitte 30 vielleicht. Aber schätzen kann man das kaum, bisher waren alle Flüchtlinge um einiges jünger, als wir dachten. Nassr spricht leise, aber sein Englisch ist sehr klar. Er erzählt von seinem Leben, dass er im Juni 2013 hinter sich ließ: In Ägypten hat er Ingenieurswesen studiert und bei einem weltweit führenderen Elektronikhersteller in der Entwicklungsabteilung gearbeitet. Er habe sehr gut verdient, sagt er. Doch irgendwann hätten die Probleme angefangen.

Er als Christ habe Drohungen von seinen Kollegen erhalten. Anfangs seien noch ca. 10 Prozent der Angestellten Christen gewesen, doch mit der Zeit wären von ihnen immer mehr gegangen. Schlussendlich war er der einzige. Täglich kam es zu Anfeindungen, im ganzen Land brannten Kirchen. Als in seinem Wohnviertel Kinder und ganze Familien verschwanden, habe er die Angst nicht mehr ertragen können. Mit seiner Frau und den zwei kleinen Kindern sei er unvorbereitet zum Flughafen gefahren und habe einen der ersten Flüge gebucht, die ihn nach Europa brachten.

So landeten sie in Rom, ohne Visum, ohne Kontakte, ohne eine Idee von der Zukunft. Über eine Woche hätten sie den Transitbereich des Flughafens nicht verlassen können. Das größte Problem sei gewesen, dass er von Stelle zu Stelle geschickt wurde. Entweder fühlte man sich nicht verantwortlich oder man habe sich nicht verständigen können. Irgendwann sei ihnen das Geld für das teure Essen im Flughafen ausgegangen. Erst durch die Hilfe eines Fremden sei es ihnen gelungen ihr Anliegen den Verantwortlichen nahezubringen und so die nötigen Dokumente zu erhalten. Der Helfer, ein Arabisch sprechender Italiener, habe für Nassr und seine Familie gebürgt.

Für einen Monat lebte Nassr mit seiner Familie in einem Flüchtlingsheim in Rom. Die Angst, die er in Ägypten gespürt habe, hatte er jedoch mitgenommen. Wenn er über diese Zeit in Rom spricht, wird er unruhig. Rom sei nicht seine Stadt, sagt er und lacht nervös. Da Flüchtlinge, egal wo sie ankommen, auf Lager in ganz Italien verteilt werden, kam es dazu, dass Nassr und seine Familie nach Sizilien gebracht wurden. Seit einem Jahr leben sie schon im Flüchtlingscamp auf einem Berg am Rande einer mittelgroßen Stadt. Die Unterkunft teilen sie sich mit mehreren Familien. Es gibt eine Gemeinschaftsküche und einen Speiseraum für alle. Auch die sanitären Anlagen werden zusammen genutzt.

Ihr Zimmer schließt sich an die Küche an. Zu fünft leben sie nun hier. Francesca, die Kleinste, wurde vor drei Wochen geboren. Sie sei nicht geplant gewesen, erklärt Nassr. Elena und Thomas, die beiden anderen Kinder, sind drei und vier. Sie sitzen auf gelben Kinderplastikstühlen vor einem kleinen Röhrenfernseher und gucken das italienische Kinderprogramm.

Durch das offene Fenster bauscht der Wind die Vorhänge auf wie weiße Segel eines Schiffes. Der kleine Fernseher wird von Zeit zu Zeit von den Vorhängen verdeckt, sodass die beiden ihre Köpfe ein bisschen zur Seite neigen müssen. Der Ton ist ganz leise eingestellt. Im Gitterbett zwischen Zimmertür und Elternbett schläft das kleine Mädchen. Die Mutter holt einen Wasserkocher aus dem Kleiderschrank und stellt ihn auf dem Tisch auf, um Tee zu kochen. Das Zimmer der Familie ist maximal 20 qm groß.

Nassr lebt hier trotz aller Beengtheit beruhigter. Allein, dass er die Tür des Zimmers abschließen kann, sei für ihn Grund genug, sich wohler zu fühlen. Ruhe scheint allgemein ein wichtiges Thema für ihn zu sein, denn auch diesen Aspekt schätzt er an seinem Wegzug aus Rom. Doch statt der gesuchten Ruhe hat er etwas anderes bekommen: Es ist Stille. Seine ganze Familie ist sehr still. Wenn die Kinder spielen, tun sie es leise. Wenn seine Frau den Tee kocht, macht auch das kaum Geräusche. Auch wenn sie sprechen, ist es kaum hörbar. Es ist nicht Desinteresse oder Lieblosigkeit von der diese Stille geprägt ist, es scheint eher eine Ohnmacht zu. Als könnten sie ihre Schockstarre nicht durchbrechen.

Im Grunde genommen wünscht sich Nassr, wieder nach Ägypten zurückzukehren. Aber die momentane politische Lage verbietet es ihm: Seit dem Sturz Mubaraks sei die Situation noch schlimmer geworden. Das Land sei zerfallen.

Nassr hat etwas, dass nur einem sehr kleinen Teil der Flüchtlinge auf Sizilien vergönnt ist: Er hat eine Arbeit. Offiziell nennt sich sein Beschäftigungsverhältnis EU-Praktikum. 500 Euro verdient er bei Vollbeschäftigung im Monat. Doch seine Aufgabe ist eher ein Hohn: Nassr räumt in einem Supermarkt Regale ein. Das soll ihn auf den europäischen Arbeitsmarkt vorbereiten. Den Lohn zahlt nicht sein Arbeitgeber, sondern die EU. Nassr ist ein Mensch, der sich nie beschwert. Er verliert kein negatives Wort über die Menschen, die ihn zu seiner Emigration gezwungen haben und auch keines über seinen Job. Nur unterschwellig lässt er erkennen, dass er während der Arbeit an seine körperlichen Grenzen stößt. Jetzt wo er alle Dokumente beisammen hat, versucht er eine Anstellung als Ingenieur zu finden. Eigentlich gefällt ihm Sizilien recht gut, aber auch für ihn wird es in dieser strukturschwachen Region schwer eine geeignete Arbeit zu finden. Darum würde er auch weiter in den Norden ziehen.

Ende September muss er mit seiner Familie die Flüchtlingsunterkunft verlassen. Eigentlich hätten sie schon seit Monaten Anspruch auf eine eigene Wohnung, doch die Heimleitung hatte ihnen angedroht die Zahlung zu verweigern, obwohl sie dazu verpflichtet ist. Nassr beschwert sich auch darüber nicht.

*Alle Namen in diesem Text sind verändert, um sie Identität der Menschen zu schützen.

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