Pozzallo

Über der Stadt brennt die Sonne. Auch Anfang September steigt das Thermometer noch ohne Mühe über die 30-Grad-Marke. Das Meer liegt ruhig vor der Küste. Diese Stille wird uns den ganzen Tag begleiten. Für die meisten Menschen um uns herum ist sie wohl erholsam, für uns erscheint sie trügerisch.

Pozzallo, eine der südlichsten Städte Siziliens, gilt seit der Schließung der Flüchtlingslager auf Lampedusa als der Ankunftsort für Menschen, die sich ein neues, vor allem sichereres Leben in Europa versprechen. Die 19.000-Einwohner-Stadt ist umgeben von Stränden, dazwischen befindet sich der Hafen. Kleine Yachten schaukeln auf den Wellen. Ein älterer Mann sitzt auf dem Kai und wirft seine Angeln aus. Ein menschenleerer Parkplatz erstreckt sich, auf ihm steht das moderne Verwaltungsgebäude des Hafens. Sowohl die Hafenmeisterei als auch die Küstenwache und die Carabinieri haben Räumlichkeiten in diesem Haus. Etwa hundert Meter trennt es vom Wasser. Drei Männer in Weiß sortieren ihr Equipment auf Booten, die wie Arbeiterameisen aussehen – lange Antennen stehen von der Brücke ab. Technisch scheint es an nichts zu fehlen. Sie gehören zur Guardia Costiera, der italienischen Küstenwache. Die Männer sprechen ausgelassen miteinander. Auf Nachfrage versichern sie, dass an diesem Tag noch kein Schiff mit Flüchtlingen in Pozzallo angekommen sei. Ein auf seinem Moped herangefahrener Carabinieri bestätigt die Aussage. Die Männer der Küstenwache erklären, dass sie es wüssten, denn immer wenn ein neues Schiff über das Mittelmeer auf Sizilien zukomme, würden sie informiert und müssten ausrücken. Das Gespräch verläuft stockend, ihr Englisch ist sehr gebrochen, doch sie sind bemüht die Situation zu erklären. Viele Faktoren würden eine Rolle dabei spielen, ob Schiffe in See stechen: das Wetter, das Meer und die Situation am Startpunkt. Schlussendlich zeigen sie sich aber erleichtert, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt am Tag nicht zu einem Einsatzort mussten. Der herangefahrene Carabinieri erklärt kurzerhand, dass die „Ankunftshalle“ weiter hinten im Hafengebiet liege. Besuchen könne man diese natürlich nicht. Auskünfte über bevorstehende Ankünfte dürfe man sowieso nicht geben. Die Männer verabschieden sich freundlich und begeben sich zurück in das hellorangene Hafenmeistereigebäude. Auch wenn an diesem Tag noch kein Boot den Hafen erreicht hat, besteht die Gewissheit, dass in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten unzählige zu retten sein werden.

Der Himmel ist klar. In einem abgesperrten Bereich des Hafengeländes liegen Boote, die meisten blau. Mit dem Bug nach oben sind sie aufgestapelt, manche einfach achtlos auf die anderen geschoben. Es sind die Überreste tausender Fluchten. Wie auf einem Friedhof dokumentieren sie einen Ausschnitt der Flüchtlingswelle der letzten Monate, wenn nicht gar nur Wochen. Einige von ihnen haben arabische Schriftzeichen als Kennung an ihren Spitzen. Bei den meisten möchte man sich kaum vorstellen, dass sie wirklich auf offenem Meer mit Menschen besetzt waren, so klein und marode sind sie.

Um die hiesige Ankunftshalle erstreckt sich ein Zaun. Im Schatten der Halle steht ein Wagen des Militärs. Auch ein Transporter des Innenministeriums parkt dort. Zwei Soldaten sitzen auf einer Bank, sie balancieren ihre Schlagstöcke auf den Fingern, vertreiben sich so die Zeit. Beamte der Polizei sind vor Ort. Neben einem kleinen Auto, das am Rande des Hofes hinter der Halle steht, sitzen zwei Männer und zwei Frauen in blauen Westen. Sie gehören zur UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Einige Stunden später fahren sie ohne direkten Einsatz vom Platz. Doch ihr Warten suggeriert, dass sie mit Ankünften rechnen. Permanent.

Das Meer liegt immer noch ganz ruhig vor der Stadt. In der Touristeninformation verweist man uns an den Bürgermeister. Die Mitarbeiterin erzählt, dass sie in puncto Flüchtlingssituation in Pozzallo nicht auf dem aktuellen Stand sei. Außerdem macht sie uns darauf aufmerksam, dass im Stadtbild von den Flüchtlingen kaum etwas zu sehen sei. Auf die Anzahl der Urlauber hätten die Migrationsströme keinen Einfluss. Sie scheint mit der Frage schon öfter konfrontiert gewesen zu sein und hat so die Sprechstunde des Bürgermeisters, täglich von 9 bis 13 Uhr, sofort parat. Von ihm versprechen wir uns detailliertere Informationen. Er hat schon mehrfach vehement auf die Situation der Flüchtlinge in Pozzallo, aber auch Sizilien allgemein hingewiesen, versucht das Problem publik zu machen und hat schon zahlreichen Journalisten ihre Fragen beantwortet. So morgen hoffentlich auch unsere.

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