In einem privaten Flüchtingscamp

Im Halbdunkel sitzen junge Männer auf weißen Plastikstühlen, den Kopf gesenkt, den Blick auf ihre Smartphones gerichtet. Alle halten eines in der Hand, chatten oder gucken Filme. Sie sehen müde aus, in sich gekehrt und allein, obwohl sie beieinandersitzen. Im großen Raum, einem Klostersaal mit hohen Wänden und Gewölbe, wirken sie verloren. Als wir in den Raum kommen, blicken sie hoch und lächeln. Sie kommen auf uns zu, freuen sich, stellen sich vor und fragen uns aus. Einige sind überschwänglich fröhlich – bemerkenswert, gemessen an ihrer Situation, ihrer Vergangenheit und ihren Zukunftsaussichten.
Der Ort, an dem sie sich befinden ist die Villa Tedeschi, ein altes Kloster in der Nähe von Modica. Es liegt inmitten bracher Felder, die Umgebung ist trocken und das Mittelmeer in der Ferne nur zu erahnen. Für 4000€ im Monat mietet eine private Organisation das Gebäude vom Ortspfarrer, um etwa 50 Flüchtlinge dort unterzubringen. Mittlerweile dienen die staatlichen Flüchtlingslager nur als Erstaufnahmelager, in denen die Flüchtlinge registriert und erstversorgt werden, um dann an Lager privater Betreiber_innen in ganz Italien weiterverteilt zu werden.

Diese bilden einen eigenen Wirtschaftszweig: 30€ gibt es laut Francesco, dem Sozialarbeiter mit dem wir zusammenarbeiten, pro Tag für einen Flüchtling, von diesem Geld sind alle Unkosten zu begleichen. Je weniger die Betreiber_innen also für die Flüchtlinge ausgeben, desto mehr fließt in ihre eigene Tasche. So gebe es riesige Matratzenlager, die außer einfachstem Essen und einer spartanischen Unterkunft nichts böten. Keine Sprachkurse und keine psychologische Betreuung. Zwar müssen sich alle privaten Betreiber_innen um Lizenzen für die Unterhaltung eines Camps bewerben, ob die tatsächlichen Umstände in den Lagern jedoch tatsächlich nachgeprüft werden ist fraglich. In jedem Fall gehen die Selbstbestimmungsmöglichkeiten der Flüchtlingen gegen Null: Sie werden den Lagern zugeteilt; dort wird alles für sie entschieden, höchstens ein Taschengeld bekommen sie ausgezahlt.

Von dem von uns besuchten Flüchtlingslager sind es bis in den Ort etwa 40 Gehminuten entlang der Landstraße. Sie gehe die Strecke jedoch nicht, sagt eine der Flüchtlinge, die Strecke sei zu weit für sie. Das Mädchen ist zart gebaut, isst nur Salat, wie sie uns sagt. Ihr T-Shirt hat ein Logo der Welt-Hunger-Hilfe auf der Brust. Außerdem hat sie keine festen Schuhe, nur Badeschlappen. Die Kleiderspenden, die die Organisation bekommt, waren bisher viel zu groß für die 21-Jährige aus Eritrea. Ihren Namen hat sie geändert, als sie ihre Heimat verließ. Ihr neuer Name bedeutet in ihrer Sprache „Straßenhund“. Und auch wenn sie uns gegenüber sehr fröhlich wirkt, uns über Deutschland ausfragt und Witze mit uns macht, ist sie in sich gekehrt. Sie habe zu viel Zeit um nachzudenken, sagt sie. Über ihre Familie, über sich. „Eat, sleep. And tomorrow: Eat, sleep“, so beschreibt sie ihren Tagesablauf.

Viel anderes bleibt den Flüchtlingen nicht zu tun. Sie haben Internet, jede_r ein Smartphone und WiFi, und stehen in Kontakt mit ihren Familien und Freunden. Das Mädchen aus Eritrea erzählt von guten Freunden aus ihrem Lager, die es bis nach Deutschland geschafft haben. Erst in den letzten Wochen sind etwa zwei Dutzend Flüchtlinge aus dem Lager verschwunden, wohin weiß niemand so genau. So sind sie zwar untereinander und mit ihren Familien vernetzt, in ihrem direkten Umfeld in Italien allerdings fehlt ihnen der Kontakt. Einerseits sind ihre Unterkünfte außerhalb und sie somit aus dem Stadtbild verdrängt. Andererseits sind sie sprachlich isoliert: Zwar sprechen viele von ihnen gutes Englisch, die meisten Menschen in Sizilien allerdings kaum. Betreuer_innen des von uns besuchten Lagers nicht ausgeschlossen.

Die Verantwortliche, die wie dort trafen beispielsweise ist zwar ausgebildete Psychologin, auch sie ist jedoch schon aufgrund der Sprachbarriere keine tatsächliche Ansprechpartnerin für die Flüchtlinge. Ihre wenigen Englischkenntnisse reichen bei Weitem nicht aus, um sich mit den Flüchtlingen angemessen zu unterhalten. Allein die physische Verfassung vieler derjenigen, die wir trafen, erzählt traurige Geschichten: Einem jungen Mann aus Mali fehlen Zehennägel und sein Körper ist mit Narben übersäht. Einem anderen, aus Nigeria, der uns die ganze Zeit, die wir im Lager verbringen, anstrahlt, ist eine Narbe quer über die Wange gezogen. Die junge Eritreerin ist nach einer Stunde so erschöpft, dass sie sich hinlegen muss. Ihre Freundin ist so krank, dass sie aus dem Bett überhaupt nicht aufgestanden ist und uns dort nur kurz nett begrüßt.

So scheint das Warten auf ihre Papiere die jungen Menschen zu lähmen. „It makes lazy“, sagt die 21-Jährige. Eigentlich wolle sie nur arbeiten, wiederholt sie immer wieder. Im Lager gebe es jedoch nichts zu tun. So scheinen diese jungen Menschen zur Lethargie verurteilt. Nach Monaten der stetigen Anspannung und permanentem Unterwegssein kristallisiert sich ein neues Problem heraus: Ein Übermaß an Zeit zum Nachdenken über das Vergangene, vielleicht das ständige Nacherleben der Fluchterfahrungen. Auch wenn alle Flüchtlinge im Lager zwischen 18 und 25 Jahre alt sind, sehen sie 10 Jahre älter aus. Ihre Gesichter sind erschöpft und wir fragen uns, ob sie mit diesem Warten gerechnet haben. Ob sie darauf vorbereitet wurden. Und welche Hoffnungen sie in die Zukunft haben.

 

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